Trendzone Langstrasse

Tagesanzeiger 5-2010

Früher mitten im Milieu, heute im Epizentrum der Trendzone. Im Casa Aurelio an der Langstrasse verkehrt, was Rang, Namen und das nötige Geld hat. Lorenzo Aurelios Gäste kommen aus der ganzen Welt – und er kennt sie fast alle beim Namen.

Von Jan Graber

Eigentlich würde die Geschichte des Restaurants Casa Aurelio 1993 beginnen im Jahr, als das Edelrestaurant seine Türen öffnete. Tatsächlich aber fängt sie zehn Jahre früher an.

Die Stadt Zürich wird von den letzten Nachbeben der Jugendunruhen erschüttert, und die Langstrasse gilt als Epizentrum des Milieus: Heils Angels, Zuhälter, Prostituierte und Freier dominieren die Szene, die Platzspitz-Junkies entdecken die Langstrasse – Hinterhöfe als Raumstationen für die Spacetrips.

Der Kreis 5 gleicht, abgesehen von den Arbeitersiedlungen, die Stabilität bringen, immer mehr einem Slum – nur die Wagemutigen kommen hierher.

«Vom Blaueck zum Casa Aurelio»

Zu diesen gehört Lorenzo Aurelio. Von der Unbill unbeirrt, eröffnet er mitten im Zentrum des Geschehens, an der Ecke Josef-/Langstrasse das Restaurant Blaueck – dort, wo heute das Cinque residiert – und ist damit einer der Ersten, die dem Quartier eine gewisse Attraktion verschaffen: Das Blaueck entwickelt sich zu einem Geheimtipp, der immer mehr Gäste ausserhalb des Milieus anzieht.

Anfang der Neunziger jedoch überbordet die Drogenszene, Aurelios Geschäft leidet, und der Spanier hat die Nase voll. Er könnte sich zwar nun ein Lokal in einer ruhigeren Gegend suchen, entschliesst sich aber zu einem überraschenden Schritt:

Er bleibt im Quartier und übernimmt ein Lokal im Hinterhof des Blauecks – immer noch mitten in der Szene und dennoch versteckt. Er tauft sein Restaurant selbstbewusst Casa Aurelio und führt als einer der Ersten in Zürich das Valet Parking ein. Ein Angestellter des Lokals-kümmert sich im engen Hof ums Parkieren der Autos der Gäste, was diesen die mühselige Parkplatzsuche erspart. Zudem sorgt der Aufseher bei den Gästen für ein sicheres Gefühl in einer damals unsicheren Gegend. Es ist der Beginn einer Erfolgsgeschichte, die den Spanier, der 1970 als Tellerwäscher in Luzern angefangen hat, buchstäblich weltberühmt macht.

«Wie in einem Theater»

Denn heute finden Gäste aus der ganzen Welt den Weg ins Casa Aurelio – und sie kommen immer wieder. Der ehemalige Bürgermeister von Istanbul zähle zum Beispiel zu den regelmässigen Gästen, erzählt Aurelio. «Er nimmt jeweils einen Sack von meinen Gewürzen mit,» Zurück in die Stadt, die bekanntlich nicht arm an denselben ist. 95 Prozent seien Stammgäste, verrät Aurelio, er kenne sie alle beim Namen, darunter Politiker, Showstars, Künstler, Banker und andere vom Leben Gesegnete. «An gewissen Abenden ist es hier wie in einem grossen Theater», fahrt der Spanier fort und schwärmt – selbst kein Kind von Traurigkeit – davon, dass die schönsten Frauen. bei ihm verkehren würden.

Aurelio kümmert sich mit viel persönlichem Engagement um die Gäste. Während er früher noch in der Küche und im Service mitgeholfen hat, ist er heute ganz der Doyen, der von Tisch zu Tisch geht, die Gäste nach ihrem Wohlbefinden fragt, Wein nachschenkt und bei Bedarf ein bisschen plaudert – immer ein Auge darauf. was sonst im Lokal läuft.

Filets kommen aus den USA Die Besucher lieben es und ins Casa Aurelio kommt niemand, der eine gedämpfte Unterhaltung bei schummrigem Licht sucht, sondern es sind Gäste; die zwar das Exklusive und Edle mögen, dieses aber nicht von Pomp und totem Luxus erstickt wissen wollen. Und sie lassen es sich gerne gut gehen: Zum Beispiel, wenn Aurelio den Pata-Negra-Schinken vom iberischen Schweln auftischt, der so wunderbar würzig ist, dass ihn zu pfeffern ein Sakrileg wäre. Oder die butterzarten Rindsfilets mit den selbst gemachten Paprika-Kartofelchips. «Bei mir kommen ausschliessich US-Filets auf den Tisch, nur diese haben eine konstant gute Qualität», so der Geniesser und Fachmann.

Im Winter werden auf den rund 100 Sitzplätzen des Casa Aurelio pro Abend 70 bis 80 Kilogramm Fleisch genossen. «Zu mir kommen Russen, die jeweils 20 bis 30 vorgebratene Koteletts mit nach Hause nehmen», sagt Aurelio. Das Fleisch bezieht er bei der Metzgerei Angst und bei Kunz, den Fisch habe er von Bianchi und von Dörig. Ein Hochgenuss deshalb auch der Loupe de Mer im Salzmantel und die Gambas al Aillo und Sepia. «Aus Südafrika kommen die besten Scampi der Welt», fährt Aurelio fort und erzählt von seinen Hausspezialitäten, den Mistkratzerli im Ofen oder Lammkoteletts vom Grill. Sich hinter diesen kulinarischen Exklusivitäten verstecken muss sich auch die umfangreiche Karte mit den spanischen Weinen nicht, Egal, ob ein spanischer Pingus, Numanthia, Vega Sicila, Clos d’Agon, Pesquera oder ein französischer Chateau Mouton Rothschild und ein Chateau ‘Y quem zum Dessert – Aurelio hat sie alle, die Besten der Besten.

«Personal ist Kapital»

Sein wahres Kapital sei jedoch das Personal, verrät Aurelio. «Mein Küchenchef arbeitet seit 14 Jahren bei mir», sagt er, der Chef de Service sei ebenfalls schon sehr lange dabei. Von der Schwierigkeit, gutes Personal zu finden, will er nichts wissen: «Bullshit», sagt er unverblümt, man müsse die Leute nur grosszügig genug bezahlen, dann fehle es auch nicht an der Motivation. «Der grösste Fehler eines Restaurants sind häufige Personalwechsel», weiss er. Regelmässige Gäste wünschen sich, dass sie das Personal mit der Zeit kenne und wisse, was sie mögen – das sei sein Erfolgsrezept. Man habe ihn schon oft gefragt, ob er nicht an der Bahnhofstrasse besser aufgehoben wäre, verrät Aurelio. Doch er hat immer abgewinkt. Der Mix aus lebendigem Quartier, in dem es menschelt, und dem Hof mit dem Edelrestaurant als schillernde Oase mittendrin – welch bessere Kombination könnte es geben?

Zudem hat der Kreis 5 fast alles Anrüchige von sich gestreift: Das Quartier ist inzwischen grösstenteils ein gepflegtes Mekka für kulturell anspruchsvolle Ausgehhungrige und Trendbewusste. Von der ehemaligen Heimat für ausländische Arbeiter erzählen nur noch die altenReihen-Stadthäuser; der Drogensumpf ist weitgehend trockengelegt. Zwar wuseln auf der Langstrasse noch immer ein paar verlorene Junkies auf der rastlosen Suche nach Stoff hin und her, doch sie gleichen Relikten aus einer längst vergangenen Zeit.

Zu hoffen bleibt eigentlich nur, dass das Langstrassen-Quartier nicht noch mehr gezähmt wird. Sonst müsste sich Lorenzo Aurelio für seinen quirligen Luxustempel einen neuen Platz suchen. Einen Platz, an dem es wieder widersprüchlicher zu und ergeht.